Unser Weg zum Pool

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Moto Madonna

August 16th, 2013 · Keine Kommentare

Von Oliver Zajac

“Das weiss ich eigentlich auch nicht. Aber wenn die Kerle ihre Frauen dabei haben, sagen sie immer, es sei das Motorrad.”

“Dabei finde ich das Motorrad gar nicht so toll”, sagte ich. “Nee”, sagte der Herr Lenz auf der anderen Seite des Ladentisches, der in einem Laden steht, in dem es immer so schön nach Leder duftet, und den ich ein-, zweimal im Jahr besuche, weil sein Laden am Ende einiger schöner Landstrassen im Kraichgau liegt, und es dort immer so schöne Sachen zu kaufen gibt, die zuweilen aber nicht immer auch so schön nach Leder duften, und den ich in Betrachtung des grossen Werbebildes für englische Motorradhelme, das hinter dem Ladentisch und hinter dem Herrn Lenz ziemlich gross an einer Wand hängt, gefragt hatte, was denn an diesem Bild so besonders ist, und der jetzt fortfuhr, “eigentlich das Übliche, grosser WBO-Tank, Alubürzel. Neulich war mal einer hier, der hat den Bürzel gedengelt. Und auch das Monoshock-Federbein, da kenn’ ich einen, nicht weit von hier, der macht das regelmässig.”

“Eben”, sagte ich. Nichts Besonderes also. Eine Guzzi mit runden Zylindern, der man mal wieder das Heck des Rahmens genommen hatte, was derzeit ja viele machen, das Rahmenheck an den alten Maschinen abflexen, da sie offensichtlich der Ansicht sind, dass das was, sie bezahlt haben, ihnen auch für immer gehört, es für immer in ihrer Gewalt steht, und dabei nur allzu gerne vergessen, dass das, was ihnen für immer zu gehören scheint, schon anderen zuvor gehört hat, nicht selten bis zu vier oder mehr Motoradfahrern vor ihnen, welche aber den Rahmen unversehrt liessen, um es an den Nächsten und jetzt vorläufig Letzten weiter zu geben, der nun nur noch etwas Versehrtes oder Unwiederbringliches weiter reichen kann, wenn es denn an seiner Zeit ist. Und vielleicht oder sicherlich gibt es Fälle oder Notwendigkeiten, da muss und soll man den Rahmen eines Motorrades schneiden, aber man soll und muss nicht schneiden, um immer wieder das gleiche Motorrad zu bauen. Und gerade das Motorrad auf den Bild war nicht ganz unschuldig daran, dass immer wieder das gleiche Motorrad gebaut wurde und wird, da es eben durch dieses Bild eine gewisse Berühmtheit erlangte, es zur Blaupause für viele – nicht nur – Guzzi-Umbauten wurde, deren Schöpfer immer nach dem gleichen Muster verfuhren, also das Heck kürzten, Höckersitzbank, Alu-Tank, Stummellenker und optional noch ein Monoshock-Federbein montierten, die an einem klassischen Sportmotorrad eigentlich und überhaupt nichts zu suchen hat. Angeblich brauchte der Erbauer und Fotograf der Guzzi auf dem Bild 14 Jahre, um sein Motorrad in den abgelichteten Zustand zu bringen, wie es nun hinter Herrn Lenz an der Wand hing, und obwohl das Motorrad vielleicht seinerzeit, als es erschaffen wurde, etwas Besonderes war, ist es in den heutigen Augen derjenigen, die eine nicht mehr bezifferbare Anzahl an mehr oder weniger gelungenen Kopien erblicken durften oder eher mussten, eben nichts mehr Besonders sondern ein Übliches und viel Geschautes. Und dennoch vermag dieses Bild, das ein Werbefoto ist, immer noch zu faszinieren, scheint es einen Nerv zu treffen, ohne dass die diejenigen, deren Nerven getroffen wurden, genau sagen können, warum sie eben durch einen Werbebild fasziniert sind, auf dem eine umgebaute Moto Guzzi zu sehen ist, die durch seinen Erbauer von schräg hinten fotografiert wurde, und in deren Sattel eine schöne junge Frau sitzt, welche Jeans und eine zu grosse Lederjacke trägt und die den mit dem zu bewerbendem Produkt behelmten Kopf dem Fotografen und somit auch dem Betrachter, der ja immer in der Linse des Fotografen sitzt, zugewandt hat. Und fragt man nun Menschen, die dieses Bild kennen oder vor sich haben, was denn an diesem Bild sei, das es zu einem besonderen Bild macht, welches in bestimmten Kreisen der Motorradfahrerschaft einen gewissen Kultstatus erlangt hat, so erhält man entweder die Antwort, es sei das Motorrad oder es sei die schöne Frau in den Jeans und der schlecht sitzenden Lederjacke, die dieses Bild zu etwas Besonderem machen, und manche fügen dem vielleicht noch hinzu, es sei gerade die lässige Haltung der schönen Frau auf einem schön lässigen Motorrad.

Und in der Tat unterscheidet sich die Haltung der schönen Frau in Jeans und schlecht sitzender Lederjacke auf diesem Werbebild von anderen Werbebildern, auf denen ebenfalls Frauen und Motorräder zu sehen sind, was vielleicht daran liegt, dass die Motorradkäuferschaft zum grössten Teil männlich ist und irgendwelche Werbebüros es deshalb für verkaufsfördernd halten, auf ihren Werbebildern und Messeständen das zu verkaufende Produkt mit möglichst leichtbekleideten Frauen zu garnieren. Das soll dann wahrscheinlich “sexy” wirken und dem potentiellen Kunden suggerieren, die vermeintlich betörende Wirkung des Produkts würde auf ihn übergehen und ihn irgendwie unwiderstehlich machen, sobald er nur mit Klapphelm, Gore-Tex-Klamotten und neongelber Sicherheitsweste darauf Platz nähme. Und damit das auch der letzte potentielle Kunde so begreift, werden die sekundären Geschlechtsmerkmale der abgebildeten Models gerne überbetont, ganz im Gegensatz zu der schönen Frau in der schlecht sitzenden Lederjacke, deren Geschlecht sich nur an ihrem Gesicht ablesen lässt, denn denkt man sich dieses weg, verbleibt nur eine beinahe asexuelle, leder- und jeansbekleidete Gestalt, die durchaus auch einem schmächtigen Mann gehören könnte. Die Frau auf der Guzzi verweigert dem Betrachter fast gänzlich ihre weiblichen Reize, auch liegt in ihrem Blick, ihrem Gesichtsausdruck nichts animierendes oder “verführerisches”, vielmehr sieht sie in ihrer Montur, den Jeans, der Lederjacke, dem Helm und der Handschuhe tatsächlich so aus, als könne und wolle sie Motorrad fahren. Sie steht somit in einer anderen Beziehung zu dem mit ihr abgebildetem Motorrad wie auch in einer anderen Beziehung zu dem Betrachter als die leichtbekleideten Models auf den anderen Werbefotos. Ihre Aufgabe ist es nicht, das anzupreisende Produkt, hier den Helm, mit einer Prise bis Überdosis Sex zu garnieren, vielmehr verweist ihre Montur und ihre Haltung auf einen praktischen Bezug zu dem Motorrad. Damit aber nicht genug, ist doch das Motorrad nicht irgendein Motorrad und auch die Kleidung des Models nicht irgendeine Kleidung, beides, die Kleidung als auch das Motorrad stehen sinnbildlich für eine bestimmte Auffassung des Motorradfahrens, denn nimmt man eines von beidem weg, ersetzt man im Geiste beispielsweise die Kleidung des Models durch Gore-Tex, Klapphelm und Sicherheitsweste, bräche die “Wirkung” des Bildes oder die Spannung zwischen der Frau, dem Motorrad und auch dem Betrachter augenblicklich zusammen, nicht anders verhält es sich, wenn man die alte Guzzi durch ein moderneres Motorrad, beispielsweise einer BMW GS mit sämtlichem Klimbim ersetzen würde. Das Bild passt dann nicht mehr, da die Schlichtheit der Kleidung sich in der Schlichtheit des Motorrades spiegeln muss, um eine gewisse Spannung zu erzeugen, wird eines von beidem verändert, kippt das ganze Bild in eine andere Bedeutung, läuft es Gefahr, lächerlich zu werden. So weit, so gut, die nicht gerade überraschende Erkenntnis lautet also, dass es nicht das Motorrad oder die Frau alleine sind sondern das Zusammenspiel von beiden, das eine Haltung oder besser noch ein Bekenntnis für eine bestimmte Auffassung des Motorradfahrens ausdrücken soll. Das nimmt nicht Wunder, fertigt der britische Hersteller der Motorradhelme doch ausschliesslich offene Helme, die nur selten bis gar nicht von den Fahrern moderner Motorrädern gekauft werden. Das alleine, das im Bild ausgedrückte Bekenntnis zu einer bestimmten Auffassung des Motorradfahrens, scheint aber noch nicht gänzlich zu reichen, um die aussergewöhnliche Wirkung des Bildes hinlänglich zu erklären. Denn es ist durchaus denkbar, dass die Elemente des Bildes, die Kleidung, der Helm, die alte Guzzi usw. auch anders hätten miteinander kombiniert werden können und auch schon anders kombiniert wurden, um ein Bekenntnis zu einer bestimmten Auffassung des Motorradfahrens auszudrücken, ohne dieselbe Wirkung wie das vorliegende Bild zu entfalten. Es muss demnach noch ein Weiteres an dem Bild sein, das vom Betrachter geschaut und implizit verstanden wird, ohne dass er das Geschaute auf den ersten und vielleicht auch zweiten Blick bewusst versteht. Und dieses Weitere kann eigentlich nur die Form der Darstellung sein bzw. die Komposition der Bildelemente betreffen. Und tatsächlich hat der Fotograf – ob bewusst oder unbewusst – eine Form der Darstellung gewählt, die nicht nur sehr alt ist, sondern das Bild auch auf eine höhere, um nicht zu sagen “sakrale” Ebene hebt, eine Form, der zwingend ein Bekenntnis “unterlegt” sein muss, damit das Ganze, das Bild als Form und Inhalt wirkt, den Betrachter in seinen Bann zu ziehen vermag, da gerade die Komposition des Bildes als seine Form das Bekenntnis als seinen Inhalt auf diese höhere Ebene hebt. Und diese Form ist die Form des Marienbildnis. Marienbildnisse sind sehr alt, die ersten Zeugnisse finden sich im 2. Jahrhundert, ab dem 3. Jahrhundert ist Maria mit oder ohne Kind bereits die am häufigsten abgebildete Heilige der christlichen Kunst, ab dem 5. Jahrhundert nimmt die Zahl der Marienbildnisse weiter zu, da die Kirche in der Marienverehrung unter anderem ein probates Mittel zur Missionierung heidnischer Religionen erkannte, das es fortan erlauben sollte, bereits bestehende heidnische Muttergottheiten einfach zur Mutter Gottes umzudeklarieren, was wiederum darauf hindeuten könnte, dass diese Darstellungsform in ihren Grundzügen noch wesentlich älter sein könnte als die christliche Religion. Marienbildnisse gibt es in mannigfaltiger Form und Ausprägung, die byzantinischen Exemplare, deren Tradition durch die russisch-orthodoxen Ikonen fortgeführt wurde, verwendeten eine schematisch strengere Form, welche verglichen mit den vielfältigeren Formen der westeuropäischen Marienbilder dennoch auch für diese prägend und stilbildend war.

Ein in beiden Kulturkreisen immer wiederkehrendes Motiv der Marienverehrung ist das Bildnis der Maria mit ihrem Kind. Und gerade hier lassen sich in dem Bildnis des Models mit der Guzzi verblüffende Ähnlichkeiten finden. Der Betrachter findet zwei Objekte seiner Betrachtung auf der hochformatigen Bildfläche vor, wobei Maria zentral angeordnet ist und sich ihr Kopf im oberen Drittel des Bildes befindet. Das Jesuskind hält sie im linken Arm, auf einigen Bildnissen verweist oder deutet die rechte Hand auf das Kind. Das Model auf der Guzzi hat dagegen den rechten Arm am Körper angelegt und gibt somit den Blick auf das präsentierte Motorrad frei. Die Gestalt der Maria ist gänzlich züchtig verhüllt, es finden sich wie bei der Motorradfahrerin auch keinerlei Andeutungen von weiblichen Geschlechtsmerkmalen, welche sich sanft durch die anliegende Kleidung abzeichnen könnten. Abgesehen von der weiblichen Kleidung lässt sich das Geschlecht nur am weich gezeichneten Gesicht ablesen. Beide, die Motorradfahrerin als auch Maria, wenden ihren Blick direkt an den Betrachter (wobei es auch Varianten des Marienbildnisses gibt, da die Mutter ihr Kind anblickt), der Blick ist nicht verführerisch oder kokettierend, wie auch – schliesslich präsentiert sich hier eine Mutter mit ihrem kleinen Kind. Das vielleicht entscheidende Detail aber, das dafür ursächlich sein könnte, dass der Betrachter im Bild mit der schönen Frau auf der Guzzi die in der Darstellung vorhandenen Strukturelemente beinahe schon archaischer Symbolik unbewusst “versteht” und sie zu einem Ganzen zusammenfügt, welches das Bild in seinen Augen zu einem besonderen Bild werden lässt, ohne dass er bewusst versteht, warum, könnte der Helm sein. Davida fertigt verschiedene Helme, darunter auch jenen, den das Model trägt und der besonders gross ausfällt. Ein wesentliches Merkmal vieler Marienbildnisse ist der Heiligenschein der Mutter Gottes, der ihren Kopf in der Darstellung vergrössert, so wie der Helm den Kopf des Models vergrössert und das Gesicht noch einmal betont und es so zum zentralen Punkt der ganzen Darstellung werden lässt.

Das Bild “wirkt”, da es sich eines althergebrachten, archaischen Ikonenschemas bedient, dessen prägende Stilmittel dem Foto – ob wissentlich oder nicht – untergeschoben worden sind. Das Bild “wirkt”, da die Frau auf der Guzzi als moderne Madonna inszeniert wurde, die hier aber nicht ihr Kind sondern ein altes Motorrad präsentiert, das im Verbund mit der schlichten Aufmachung der Frau zu einem Bekenntnis für eine bestimmte Auffassung des Motorradfahrens wid. Das Bild ist eine moderne Ikone nicht für alte Motorräder sondern eine Ikone für ein maximal reduziertes Motorradfahren, das .. ARRRRGH!

Warum ich diesen Kram geschrieben habe, weiss ich eigentlich auch nicht. Muss mir wohl ein Bedürfnis gewesen sein.

naja egal

Ab dafür.

“Moto Madonna” ist der Auftakt der bereits angekündigten Serie “Freiheit für BMW!”, welche in den nächsten Wochen fortgeführt wird.

Tags: Allgemein

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