Unser Weg zum Pool

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Long Live The Kings

Dezember 26th, 2012 · Keine Kommentare

Von Oliver Zajac

Now I wasn’t born for anything
Wasn’t born to say anything
I’m just here now and soon I’ll be gone
I’m nobody’s baby
I’m everybody’s girl
I’m the queen of nothing
I’m the king of the world*

*First Aid Kit – King Of The World
(Wichita/Play It Again Sam (rough trade) 2012)

 

Beide Benzinhähne offen, Schloss, Zündschlüssel nach rechts, Kontrolle der Leerlaufanzeige, grünes Licht brennt, Choke ziehen, Gasgriff zweimal schnell durchdrehen, leicht über Anschlag halten. Startknopf drücken…

A lte   M otor räder verfüg en übe r   k e   in          e        ..               .

Kontrolle der Benzinhähne, Kontrolle des Chokes, Gasgriff zweimal durchdrehen, Gasgriff leicht über Anschlag halten. Durchatmen. Startknopf drücken…

A l te Motorrä der verfüg en über keine Startautomatik, die den

Choke einklappen.

Startvorgang des Motors regelt. Der Startvorgang wird durch den

Den Motor am Laufen, mit einigen Gasstössen am Leben halten. Hand auf die Ventildeckel. Bei wärmer werdendem Motor Gas wegnehmen.

Fahrer geregelt, der den Choke zieht, welcher eine zusätzliche Bohrung im Vergaser freigibt, sodass nach Drehen des Gasgriffs und Betätigen des Startkopfes ein fetteres Gemisch seinen Weg in den Brennraum findet, wo es durch den Zündfunken der Kerze hoffentlich entzündet wird. So weit die Theorie. In der Praxis funktioniert das nicht immer perfekt, da das Starten des Motors noch durch andere Variablen bedingt wird, wie beispielsweise die Umgebungstemperatur, die dafür sorgen kann, dass sich das Gemisch wie Benzintau an den kalten Wänden der Ansaugkanäle oder an den Zylinderbuchsen niederschlägt, bevor es zündet. Der Startvorgang muss demnach wiederholt werden, bis endlich genug Gemisch die Brennräume erreicht und entzündet wird. Ist die Zündung erfolgt, wird der Motor manuell über Standgas gedreht, damit er warmlaufen kann. Wird bei kalten Temperaturen zu früh auf Standgas zurückgegangen, stirbt der Motor in der Regel ab und muss nochmals gestartet werden.

Bei neuen Motorrädern ist das alles nicht notwendig. Fahrer von modernen Motorrädern drehen den Schlüssel im Schloss, kontrollieren die Leerlaufanzeige und drücken den Startknopf. Den Rest erledigt die Elektronik. Temperatursensor und Lambdasonde melden Motortemperatur und Abgaswerte an die Motorsteuerung und irgendein Programm, das irgendjemand irgendwann geschrieben hat, reguliert die Parameter für die Gemischaufbereitung und die Motordrehzahl. Elektronisch geregelter Kaltlauf. Das kann gefallen, muss aber nicht.

Irgendjemand hat mal irgendwann irgendwo aufgeschrieben, dass wir, die wir Motorrad fahren, das unglaubliche Glück hätten, in der erdgeschichtlich gesehen ausserordentlich kurzen Zeitspanne zu leben, in der es Motorräder mit Verbrennungsmotoren gibt. Ein paar Jahrzehnte nur in Hunderten von Millionen Jahren. Und weil derjenige, der das geschrieben hat, natürlich Recht hat, denke ich, der auch das Glück hat, in dieser Epoche zu leben, die von kommenden Generationen ganz sicher den Beinamen „die barbarische“ erhalten wird, da wir es tatsächlich fertiggebracht haben, eine ausserordentlich wertvolle und riesige Ressource mit unglaublichem Potential, das Erdöl, in kürzester Zeit absolut sinnlos und für immer zu verblasen, dass ich die verdammte Pflicht und Schuldigkeit habe, wenn ich schon Motorrad fahre, das Motorradfahren möglichst intensiv zu erleben. Und mit intensiv meine ich nicht möglichst schnell oder möglichst komfortabel. Mit intensiv meine ich das eigentliche Motorradfahren.

Als wir letzten Sommer mit unseren alten Guzzen durch die Alpen gefahren sind, sagte der Claude, während wir an unserem Ruhetag durch die Südtiroler Berge wanderten, dass wir doch eigentlich bescheuert wären, mit unseren alten Guzzen durch die Alpen zu fahren, wenn es doch heutzutage Motorräder gibt mit ABS, elektronisch gesteuerten Motoren, zupackenden Bremsen, hervorragenden Fahrwerken und die doch deshalb viel bequemer und sicherer wären als unsere Mühlen, wie es auch viel sicherere Helme und Bekleidung gibt, die noch dazu komfortabel ist und atmungsaktiv, während uns mit den offenen Helmen, den Jeans und den verschwitzten Lederjacken bei einem Unfall auch der beste Chirurg nicht mehr helfen könnte. Und dann fragte er sich und mich, warum wir es dann trotzdem machen würden. Und das habe ich mich auch schon oft gefragt. Und die beste Antwort, die mir bisher einfiel ist, dass es eben unterschiedliche Arten gibt, auf die Berge zu gelangen. Man kann beispielsweise die Seilbahn nehmen oder auf leichten Wegen zum Gipfel wandern oder auch an ausgewiesenen Kletterrouten und bereits eingeschlagenen Haken den Berg erklettern oder die Haken selbst in Wand schlagen und sich mit dem Seil sichernd den Gipfel erklimmen. Oder man verzichtet eben auf alles, man verzichtet auf die Seilbahn, die angelegten Wege, die Haken, die sichernden Seile und sucht sich selbst einen Weg im Berg. Dann klettert man frei. Nur mit dem Nötigsten, nämlich sich selbst. Und wenn man das jetzt auf das Motorradfahren überträgt, dann soll das nicht bedeuten, dass alte Motorräder fahren mindestens so verwegen ist wie Freiklettern. Es soll nur bedeuten, dass es eben unterschiedliche Arten von Motorrädern gibt, so wie es unterschiedliche Arten gibt, die Berge zu erklimmen. Es gibt Motorräder, die sind wie Seilbahnen oder Motorräder, die sind wie Wanderwege oder Motorräder, die sind wie Haken mit Sicherheitsleinen und es gibt Motorräder, die sind das alles nicht, denn diese Motorräder beschränken sich auf das Nötigste, nämlich sich selbst: ein Motorrad. Und wenn ein Etwas, sei es ein Berg oder ein Motorrad, sich auf das Nötigste beschränkt, dann lässt es Anderes weg. Es lässt Seilbahnen weg, so wie es Vollverkleidungen weglässt, es verzichtet auf Traktionskontrollen, ABS, Mapping, so wie es auf ausgebaute Wanderwege verzichtet oder auf Haken, Lambdasonden, Seile oder Temperatursensoren. Es lässt weg, was über es selbst, über sein Nötigstes hinausgedacht worden ist – oder genauer: es lässt weg, was von Anderen über sein Nötigstes hinausgedacht worden ist. Denn vielleicht gibt es einen Punkt in der Entwicklung vieler Dinge, nicht nur der Motorräder, da ist eigentlich alles gut, da gibt es Motorräder, die verfügen über einen luftgekühlten Motor mit ausreichender Stärke, zwei Räder, zwei Bremsen, eine Sitzbank und einen Lenker. Und dann gibt es einen Punkt, da fängt an alles zu kippen in der Entwicklung so vieler Dinge, nicht nur der Motorräder, da denken Politiker, Beamte und Ingenieure über den einen Punkt, da alles gut ist, hinaus, weil sie ja weiterhin irgendetwas zu tun haben wollen, und eh man sich versieht, sitzt man auf Motorrädern mit wassergekühlten, elektronisch gesteuerten Drive-by-Wire-Motoren mit flüsterleisem Auspuff hinter Vollverkleidungen in unförmigen Goretex-Klamotten mit atmungsaktiver Unterwäsche, den Kopf in einem EU-Recht-konformen und schallgedämpften Vollintegralhelm, in dem man noch sein eigenes Atmen hört.

Eingewoben in so ein stromlinienförmiges Hightech-Windpräservativ, schieben sich die Gedanken, Gesetze und Innovationen Anderer zwischen den Motorradfahrer und das Motorradfahren, so wie sich die Seilbahn zwischen den Berg und den Kletterer schiebt, weshalb man sich fragen muss, wer fährt denn jetzt eigentlich mein Motorrad: Ich oder ein Anderer?

Und dann kann man antworten: Ein Anderer! Und alles ist wieder gut. Oder man antwortet: Ich! Und geht zurück an den Punkt, an dem für dieses Ich! alles gut war, an den Punkt, da ein Motorrad so viel weniger Komfort und Sicherheit, aber umso mehr Motorrad war und versteht, dass der Komfort und die Sicherheit mit dem Wind immer unvereinbar sein wird, da das Motorradfahren und der Wind immer eins ist, auch wenn das bedeutet, ein Risiko einzugehen.

So sehe ich das jedenfalls. Und an und für sich ist das auch keine grosse Sache, zumal es noch nicht einmal meine Privatmeinung ist, diese Meinung gab es eigentlich schon immer und sie wird auch in der jetzigen Zeit zunehmend geteilt. Davon zeugt die zunehmende Anzahl von alten Maschinen auf den Strassen, die zunehmende Zahl von wunderschönen Umbauten alter Motorräder, die ganz dem Motto einer amerikanischen Motorradzeitung folgen, die ich neulich zufällig in die Finger bekommen habe, und das schlicht und einfach lautet: Don’t hide ’em, ride ’em! Davon zeugen aber auch die persönlichen Begegnungen, die wir auf unserer kleinen Tour nach Mandello machen durften, wenn wir unsere alten Mühlen neben den ganzen modernen Maschinen, den Reisedampfern aus Spandau, Hinckley, Fernost und seltener auch aus Mandello abstellten, und wir immer wieder angesprochen worden, bezeichnenderweise vorwiegend von Motorradfahrern aus England, die sich nach unseren Maschinen erkundigten, und dann anfingen zu erzählen, von ihrer Guzzi oder dem Motorrad eines anderen Fabrikats damals in den 70ern oder frühen 80ern, und beinahe schon feuchte Augen bekamen, bereuten sie jemals verkauft zu haben und nun versucht hätten, eine gleiche Maschine zu kaufen und durch die mittlerweile und unerwartet hohen Preise abgeschreckt wurden. „Glaubst du, das hier ist der richtige Platz für dein Motorrad?“, fragte mich ein Engländer auf dem Stilfser Joch im Scherz, nachdem er von seiner Triumph Tiger abgestiegen war, und ich natürlich nur antworten konnte, dass ein jeder Platz der richtige Platz für meine Guzzi ist, woraufhin er dann lachend und zu seinem Begleiter sprach: „That’s the way to do it“.

Nach der Abfahrt vom Stilfser Joch drängelten wir uns durch den norditalienischen Feierabendverkehr und erreichten am frühen Abend endlich Mandello, machten die obligatorischen Erinnerungsfotos und übernachteten an einem dieser seltsamen Orte, die es überall auf der Welt gibt. Orte, die gewesen sind. Orte, die das Leben einst zu etwas Besonderem gemacht hat, aus denen das Leben aber in dem Maße gewichen ist, wie das Besondere mehr und mehr touristische Bedeutung erlangte, und Menschen aus fernen Ländern, erst aus Europa, dann aus Übersee, Amerika, Australien und Fernost anzog, die kamen, um das Besondere zu bestaunen, durch die Strassen und Gassen des Besonderen zu gehen, Hinweisschilder an besonderen Häusern zu lesen, die verkünden, hier habe dieser oder jene Besondere gewohnt, der dies oder das Besondere dann und dann gemacht, geschrieben, gemalt oder komponiert habe. Und der natürlich nicht mehr in den Häusern wohnt, da er entweder schon tot ist oder verzogen, wie auch in den anderen Häusern niemand mehr wohnt, schon gar nicht das Besondere, da das Besondere nun einmal nicht in Ferienwohnungen wohnen kann, es also flüchten musste vor seinem eigenen Besonderen, weil es nur zu etwas Besonderem werden konnte, als etwas ganz Normales war, ein kleines italienisches Fischerdorf beispielsweise, das nach und nach zu einer Touristenattraktion wurde, das jetzt exemplarisch ein globales Bedürfnis nach romantischen italienischen Fischerdörfern befriedigt, das bestaunt und bewundert wird, und zu seinem eigenen Denkmal verkam. Verstaubt, verkrustet, museal, für immer in seiner angeblichen Authentizität konserviert. Man kann in seinem eigenen Denkmal nicht leben und man kann auch keine Denkmäler fahren. Wenn man ein altes Motorrad zu seinem eigenen Denkmal macht, dann wird es zu einer Erinnerung an eine andere Epoche, bewundert und bestaunt, schwindet das Leben aus den Zylindern, weshalb es mich auch immer ärgert, wenn ich heute Berichte über historische Motorräder lese und dann geschrieben steht, ein Motorrad, das beispielsweise 1976 gebaut wurde, hatte soundsoviel PS oder war dies und das, ganz so als gebe es dieses alte Motorrad nicht mehr, als sei es eine blosse Erinnerung, welche man – wenn überhaupt – nur noch im Museum bestaunen kann. Es ist den Motorrädern aus dieser Zeit und nicht zuletzt den Motorradfahrern deshalb zu wünschen, dass sie bleiben dürfen, was sie sind: ausgereifte und einfache Fahrmaschinen aus einer Epoche kurz bevor alles anfing, in die Grütze zu kippen. Und dass sie eben nicht den Originalfetischisten in die Hände fallen, die auf eine Wertsteigerung spekulieren und diese Maschinen unerschwinglich werden lassen. Sondern dass an ihnen immer weiter geschraubt und gebaut wird. Und dass sie gefahren werden, solange es noch Benzin gibt.

Mit dem Drehzahlmesser knapp über 4.000 Umdrehungen gab ich weiter Gas, bis sich der Zeiger der 5.000er Marke näherte. Im zitternden Rückspiegel sah ich das verschwommene Scheinwerferlicht einer Guzzi und die schattenhaften Umrisse ihres Fahrers, dessen Oberkörper sich nach vorne zu beugen schien. Ich gab weiter Gas, bis der Zeiger langsam die 5.000er Marke überquerte und sich schliesslich irgendwo bei 5.700 einpendelte, wo ich ihn stehen liess, da der Zeiger der Geschwindigkeitsanzeige sein Ziel erreicht hatte. Im Rückspiegel sah ich ein vibrierendes Licht tänzeln, das sich in den flachen Schatten über es kehrte und sich wieder löste. Claude hatte seinen Oberkörper ganz auf den Tankrucksack gelegt, um dem Wind, der jetzt zum Orkan geworden war, so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten. So kauerten wir auf zwei alten, flachen, schmalen Maschinen und fuhren gegen den Wind heim auf der Autobahn, klammerten uns an die Stummellenker während unter uns die Motoren heiss dampften, die Dichtungen schwitzten, die Kolben mit aberwitziger Geschwindigkeit in ölfeuchte Zylinder glitten und vom Feuer roh wieder herausgestossen, neues Gemisch ansaugten, das durch die Vergaser beatmet, in immer rasenderer Abfolge zündete.

Und dann hörten wir nichts mehr, jetzt da die Motorräder gerade so schnell fuhren, dass das Wüten des Windes das Donnern der vibrierenden Motoren in den Ohren erstickte, hörten wir nur noch den Wind und sonst nichts mehr, wie er uns auf unseren Motorrädern verschluckte, zu unserem Wind wurde, der allein erzeugt durch die Wucht der Motoren mit aller Macht an uns zerrte. Mit der Geschwindigkeitsanzeige weiter bei 160 Stundenkilometern schaute ich wieder in den Rückspiegel, sah, dass sich der Abstand zu Claude, dessen Tacho schon zu Beginn der Tour kaputtgegangen war und der deshalb die tatsächliche Geschwindigkeit nur schätzen konnte, nicht vergrössert hatte.

Sie bewegten sich nicht zueinander, fast standen sie still und bildeten eine feste Formation, zwei Motorradfahrer hintereinander, ein graues Band, das unter ihren vier Rädern hindurchschoss, Baustellenabsperrungen und Häuser und Felder, die ihnen jetzt entgegen hasteten und rasend schnell vorbei flogen, während ihnen der Wind Staub und Dreck und Insekten in die Gesichter spuckte. Autos, die sich ihnen langsam mit dem Heck voran von vorne näherten. Augen, die sie erstaunt durch Fensterglas musterten und die ihnen immer noch folgten, auch wenn sich das Dröhnen ihrer Motoren schon allmählich im Gebläse der Klimaanlage des Wageninneren verlor.

Der Film zum Text: Long Live The Kings. Sehenswerter, schöner, kleiner Film. Keine grosse Sache, die aber den Nerv trifft.

Demnächst im Pool: Freiheit für BMW!

 

 

 

Tags: Allgemein

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