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Raum und Zeit und Messi

April 24th, 2012 · Keine Kommentare

Von Oliver Zajac

Irgendwann habe ich mal irgendwo gelesen, dass irgendjemand gesagt hätte, Fussball bestünde eigentlich aus drei wesentlichen Elementen und diese seien Raum, Zeit und List. Und auch wenn ich das vielleicht nicht so richtig verstanden habe, meint dieser Jemand damit sehr wahrscheinlich nicht, dass das Spiel 90 Minuten dauert, der Elfmeterpunkt elf Meter vom Tor entfernt sein muss und das Tor wiederum nur 2,44 Meter hoch sein darf. Sondern dieser Jemand meint damit wohl dasselbe, was die Fussballkommentatoren immer meinen, wenn sie kommentieren, dass „der Ball in die Nahtstelle der Viererkette gespielt“ werden muss oder der „Stürmer in die Gasse geschickt“ worden ist oder „der Pass in die Tiefe“ gespielt werden soll. Sie meinen damit, dass der Ball von der angreifenden Mannschaft so zwischen zwei Abwehrspielern der verteidigenden Viererkette hindurch gespielt werden muss, dass diese keine Chance mehr haben, denselben zu erreichen, und er, also der Ball, vielmehr einen Stürmer erreichen soll, der zum richtigen Zeitpunkt in die Gasse, den freien Raum hinter den Abwehrspielern, gelaufen ist, ohne seinerseits gleichzeitig ins Abseits gelaufen zu sein, um eben diesen Pass in die Tiefe auch erlaufen zu können. Das ist an und für sich eine Binsenweisheit. Aber wie das mit Binsenweisheiten manchmal so ist, können sich hinter ihnen durchaus komplexe Zusammenhänge verbergen. Der Ball muss nämlich nicht nur in den richtigen Raum gespielt, er muss auch so schnell gespielt werden, dass die Abwehrspieler vor dem richtigen Raum „keine Zeit“ mehr haben, den Ball zu erreichen, wie er, der Ball, auch nicht zu schnell gespielt werden darf, da er sonst schon vor dem in die Gasse stossenden Stürmer den „richtigen“ Raum durchquert und der Torwart durch die „falsche“ Geschwindigkeit des Balles „alle Zeit“ hat, denselben abzufangen. Anders gesagt: der Ball muss mit der richtigen Geschwindigkeit – der richtigen Zeit – in den richtigen Raum gespielt werden. Was die richtige Zeit und der richtige Raum ist, entscheiden aber nicht die Linien und Regeln des Spiels, diese definieren lediglich einen Interaktionsraum, in dessen Grenzen 22 Akteure für regelmässig 90 Minuten eine spezielle Raum-Zeit konstruieren, die Regeln folgt, von denen in den offiziellen Regelbüchern nichts zu lesen ist. Denn wenn auch die Gesetze der Physik durch die 22 Akteure natürlich niemals ausser Kraft gesetzt werden, so bilden beide Mannschaften jede für sich während der 90 Minuten und innerhalb der äusseren Begrenzungslinien des Spielfeldes ein spezielles Koordinatensystem mit jeweils 11 Positionen im Raum, die ihre Standorte beständig verändern, da jedes Koordinatensystem auf das andere Koordinatensystem im Bestreben reagiert, sich selbst einen Vorteil in dieser speziellen Raum-Zeit zu verschaffen. Der angestrebte Vorteil kann sein: die Schaffung der Möglichkeit zum Torerfolg aber auch auch die Vermeidung der Möglichkeit des Torerfolges für die andere Mannschaft, weshalb es die „richtige Zeit“ und den „richtigen Raum“ nicht gibt, es gibt vielmehr mindestens zwei Vorstellungen des richtigen Raumes, wie er in nächster Zeit, im nächsten Augenblick sein soll, um der einen Mannschaft entweder einen Vorteil zu gewinnen oder der anderen einen Nachteil zu vermeiden. Man kann also sagen, dass die Mannschaft erfolgreich sein wird, die es vermag, ihre Vorstellung von der richtigen, weil für sie vorteilhaften Raum-Zeit durchzusetzen, das heisst, je besser eine Mannschaft diese spezielle Raum und Zeit beherrscht, und sei es durch eine List, desto erfolgreicher wird sie auch sein.

Und wenn es für den Erfolg so unabdinglich ist, dass eine Mannschaft als ihr eigenes Koordinatensystem Raum und Zeit des Spiels beherrscht, dann ist es natürlich eine Grundvoraussetzung, dass die einzelnen Koordinaten des Systems selbst, die Spieler, das Koordinatensystem „ihres“ Spiels als auch ihr ureigenes Koordinatensystem, ihre ureigene Raum und Zeit beherrschen. Denn das Spiel wird niemals für den herrschenden Augenblick gespielt sondern immer nur für den nächsten Augenblick, und im besten Fall für den letzten Augenblick, da ein Spielzug erfolgreich abgeschlossen wurde und ein neuer beginnt. Die Spieler müssen also wissen, wie ihr Spiel funktioniert, sich ihre Raum-Zeit konfigurieren soll, wie und wann sie die Pässe spielen müssen, in welchen Raum, zu welcher Zeit – und in welchem Raum und zu welcher Zeit und für welchen nächsten Augenblick sie diese Pässe wieder zu empfangen haben. Jeder Spieler wird so zu einem Teil eines Systems, das Raum und Zeit des eigenen Spiels konfiguriert und definiert, und jeder Spieler wird für sein System, seine Mannschaft, die immer nur um ihren nächsten Augenblick spielt, umso wertvoller sein, je besser er seine persönliche Raum-Zeit in die Raum-Zeit seines Systems, dessen Teil er ist, integriert. Und deshalb genügt es auch nicht, die Funktion des Systems zu kennen, nur zu wissen, welcher nächster Augenblick durch das System angestrebt wird, damit es erfolgreich ist, der Spieler muss auch in der Lage sein, seinen eigenen nächsten Augenblick so zu organisieren, dass er im nächsten Augenblick des Ganzen aufgeht. Genauer: er muss nicht nur in der Lage sein, die nächste vorteilhafte Spielsituation zu erkennen, er muss auch eine Entsprechung dieser Spielsituation in seinem eigenen sensomotorischen Raum finden, und diese Entsprechung dann in seine innere Raum-Zeit, dem Zusammenspiel zwischen seiner Netzhaut, seinen Nervenbahnen, seinen Knochen, Muskeln und Sehnen übersetzen, das heisst, er muss einschätzen können, wo der Ball im nächsten Augenblick sein wird, mit welcher sensomotorischen Konfiguration er ihn, den Ball, am besten annimmt, damit er nicht verspringt und wie viel Zeit er dann noch hat, um ihn mit welcher Geschwindigkeit in den nächsten Augenblick seines Systems zu spielen, das heisst in den Raum, in welchem nach seiner Einschätzung, deren Entsprechung er in seiner sensomotorischen Erfahrung findet, ein Mitspieler sein wird, der mit der richtigen sensomotorischen Konfiguration übersetzt in Netzhaut, Nervenbahnen, Knochen, Muskeln und Sehnen, also der richtigen Geschwindigkeit im richtigen Raum angespielt werden muss. Und natürlich hat der Spieler keine Zeit sich zu überlegen, dass sein Mitspieler jetzt noch 15 Meter vom „richtigen“ Raum entfernt ist, den er in 1,86 Sekunden erreichen könnte, während der Abwehrspieler mit 31 Stundenkilometern auf ihn zu sprintet, und er deshalb noch genau 1,42 Sekunden Zeit hat, um den Ball mit exakt 78,35 Stundenkilometern und einer Fussabwinklung von 30,7 Grad in den „richtigen“ Raum zu spielen, der von ihm selbst 23,1 Meter entfernt ist. Und eben weil der Spieler keine Zeit hat, sich das alles zu überlegen, sollte sein sensomotorischer Raum so konfiguriert sein, dass er für jeden möglichen nächsten Augenblick ohne zu Überlegen eine sensomotorische Entsprechung findet, die ihm, dem Spieler, eine Übersetzung in Netzhaut, Nervenbahnen, Muskeln finden lässt, die ihm erlaubt, einen Vorteil zu gewinnen oder seinem Gegenspieler einen Vorteil zu vermeiden. Einfacher: das Spiel muss ihm in Fleisch und Blut übergegangen sein. Man kann also sagen, dass der Spieler erfolgreich sein wird, der es vermag, seine Vorstellung von dem richtigen nächsten, weil für ihn vorteilhaften Augenblick durchzusetzen, das heisst, je besser ein Spieler seinen sensomotrischen Raum, das Zusammenspiel zwischen Netzhaut, Nervenbahnen, Muskeln, Knochen und Sehnen beherrscht, und sei es durch eine List, desto erfolgreicher wird er auch sein.

Und natürlich ist auch das eine Binsenweisheit. Aber wie das mit Binsenweisheiten manchmal so ist, vermögen sie doch zu erstaunen, wenn man einer dieser kurzbehosten Binsenweisheiten namens Lionel Messi beim Fussballspielen zusieht, da er in seinem Metier, dem Fussballspielen, eine Einzigartigkeit erkennen lässt, die vielleicht bloss mit einem ausserordentlichen Talent nicht zu erklären ist. Eine Einzigartigkeit, die wesentlich nicht nur auf überragender Spielintelligenz beruht, denn über diese verfügen mindestens zwei seiner Mannschaftskameraden auch, und die auch nicht nur überragende Fähigkeiten am ruhenden Ball erkennen lässt, denn da wird er von einem portugiesischen Gegenspieler vielleicht sogar noch übertroffen, sondern eine überaus solitäre, einzigartigste Einzigartigkeit, die Oliver Lück in seinem Text „Der kleine Finger Gottes“ folgendermassen beschrieben hat:

„Seine plötzlichen Richtungswechsel in höchstem Tempo. Seine fast magisch erscheinende enge Ballführung. Sein präzises Passspiel, als hätten seine Füsse Finger, die jeden seiner Pässe dirigierten. Sein explosiver Antritt. Bei Lionel Messi geht alles nicht schnell, es geht furchtbar schnell. Er spielt in Übergeschwindigkeit. Wo andere einen Schritt machen, macht er drei. Bewegungen, die regelmässig auch seine Gegenspieler überfordern, die ihn meist nur mit Fouls zu bremsen wissen.

(…)

Es gibt ein Video, das den fünfjährigen Leo auf einem Bolzplatz seiner Heimatstadt Rosario zeigt. Er ist der Kleinste unter den Kleinen, läuft aber dennoch allen mit dem Ball am Fuss davon und erzielt Tor um Tor. «Keiner konnte ihn stoppen», sagt sein Vater Jorge, «im Grunde spielt er heute noch wie damals: immer Richtung Tor. Manchmal», gesteht er und schüttelt ungläubig den Kopf, «habe ich geglaubt, mein Sohn ist ein Ausserirdischer.»“

Wenn Menschen, die sich nicht sonderlich für Fussball interessieren, diesen Satz hören: „habe ich geglaubt, mein Sohn ist ein Ausserirdischer“, heben sie vielleicht die Augenbrauen und sind versucht, eben diesen Satz für eine masslose Übertreibung zu halten, die einem Vater, der diesen Satz in Begeisterung über seinen erfolgreichen Sohn sagt, vielleicht lässlich verziehen werden könnte. Es gibt aber heute nicht nur ein Video, es gibt tausende Videos – unter anderem dieses – das zeigt tatsächlich einen Fussballspieler, der sich mit Ball am Fuss in fast überirdischer Geschwindigkeit bewegt, so schnell durch die gegnerischen Abwehrreihen dribbelt, dass sich unwillkürlich der Eindruck aufdrängt, das Video befände sich im Schnellvorlauf, bis man wieder der bedauerlichen Abwehrspieler gewahr wird, die sich eben doch „nur“ in menschlichem Tempo bewegen, weshalb auch Menschen, die sich nicht sonderlich für Fussball interessieren, dann plötzlich verstehen, was Pep Guardiola, der Trainer, meint, wenn er sagt, sein Spieler Messi sei der einzige Spieler auf der Welt, der sich mit Ball schneller bewegt als ohne.

Was Messis Spiel also einzigartig macht, und da sind sich die Experten wohl einig, ist dessen unglaubliche Präzision in unglaublich rasender Geschwindigkeit auf engstem Raum, eine schwindelerregende Perfektion, welche die gegnerischen Abwehrspieler, die ja mitunter zu den weltbesten ihres Fachs gehören, regelmässig in die Verzweiflung treibt, da sie diesen kleinen Kerl einfach nicht in den Griff bekommen. Messi beherrscht den sensomotorischen Raum, den ein Fussballer beherrschen muss, das Zusammenspiel zwischen Ball, Netzhaut, Nervenbahnen, Knochen, Muskeln und Sehnen so perfekt wie kein Zweiter vor ihm. Das ist umso erstaunlicher, weil Lionel Messi von seiner Natur aus eher benachteiligt war. Wie hinlänglich bekannt, litt er in jungen Jahren einer Wachstumsstörung und war mit 13 Jahren gerade einmal 1,40 m gross. Die Behandlungskosten waren für die aus einfachen Verhältnissen stammende Familie nicht zu finanzieren, weshalb sie sich an den FC Barcelona wandten, die während eines Probetrainings Messis einzigartiges Potenzial sofort erkannten, ihn prompt unter Vertrag nahmen und auch die Hormonbehandlung bezahlten, die dem kleinen Argentinier im Laufe weniger Jahre zu einer Körpergrösse von 1,69 m verhalf. Inzwischen ist Messi dreimaliger Weltfussballer des Jahres und man erinnert sich der Worte seines langjährigen Jugendtrainers, wonach er seinen anfänglichen Malus, die fehlende Körpergrösse, durch sein Talent, seine technische Brillanz und einer aussergwöhnlichen Willenskraft wettgemacht habe.

Schaut man sich mit diesem Wissen sein Spiel an und erkennt man den grossen Vorteil, den Messi auch in dieser Eliteklasse noch gegenüber seinen Kollegen im Spiel mit dem Ball hat, wie er ihn auch im höchsten Tempo traumwandlerisch sicher seinem Willen unterwirft, als sei er sein persönlicher Satellit, der gezwungenermassen um die Gravitationszentren der beiden Füsse kreist oder ein externer Körperteil, fest eingewoben im Zusammenspiel der Knochen, Muskeln und Sehnen, dann scheint die Erklärung des einstigen Jugendtrainers ein Letztes schuldig zu bleiben. Denn Messi ist ein Talentierter unter den Talentiertesten, ein Brillanter unter den Brillantesten und ein Willensstarker unter den sehr Wenigen, die sich in einer unerbittlichen Auslese aus den sehr Vielen durchgesetzt haben, und ist trotzdem noch um so viel besser. Und wenn man sich dann, während man Messi auf dem Bildschirm den Ball annehmen sieht, fragt, ob denn vielleicht gerade seine grösste Schwäche, da er schnell Fahrt aufnimmt und den ersten Gegenspieler umkurvt, zur unbedingten Vorbedingung seiner grössten Stärke wurde, und man sich erinnert, gerade als zwei Abwehrspieler vergeblich versuchen ihn zu stellen, wie Gläser von Kinderhänden umgestossen wurden, Apfelschorle einst über den Tisch lief und Milch auf den Boden tropfte, da Messi hakenschlagend in den Strafraum eindringt, und man das vielfache Klirren der zerspringenden Gläser wieder im Ohr hat und den Kakao auf den Hemden der Kinder im Gedächtnis wieder vor sich sieht, legt sich Messi den Ball von dem rechten auf den linken, seinen stärkeren Fuss, und verfolgt man den ansatzlos geschossenen Ball auf dem Bildschirm, fragt man sich währenddessen, was wohl wäre, da der Ball endlich im Netz einschlägt, wenn er nicht zunächst klein geblieben, wenn er ganz normal gewachsen wäre, ob er dann jetzt auch jubeln würde?

Es ist eine weitere Binsenweisheit, dass Menschenkinder erst mühsam lernen müssen, ihre Körper und ihre Extremitäten unter ihre Kontrolle zu bringen, sie ihrem Willen zu unterwerfen. Das ist ein Prozess, der für die Kleinen, für uns alle sehr mühsam ist und war, und mit vielen blauen Flecken und anderen Kollateralschäden wie beispielsweise zerbrochenen Gläsern verbunden ist, für die man die Kleinen aber nicht rügen darf, da sie für diese zerbrochenen Gläser nichts können, weil das Glas vor dem Bruch oftmals zwar an seinem gewohnten Platz stand aber in dem Koordinatensystems des Kindes, welches es unvermittelt umwerfen wird, auf einmal an einem ganz anderen, unvermuteten Platz verortet wurde. Mit dem Wachstum der Kinder verändert sich selbstredend auch ihr sensomotorischer Raum, verändern sich die Grössen- und Längenverhältnisse zwischen Netzhaut, Knochen, Muskeln und Sehnen. Jeder neu gewachsene Zentimeter zerstört eine mühsam antrainierte sensomotorische Konfiguration, und erfordert von Kindern eine weitere von vielen, vielen Anpassungsleistungen, da der Raum wieder einmal „grösser“ geworden ist, und Objekte in diesem Raum plötzlich viel „näher“ sind, als sie es „eben“ noch waren, was gerade für die Feinsensomotorik jedes mal eine neue Herausforderung ist.

Und unterstellt man jetzt einmal, dass es für diese Anpassungsleistungen, für das Update der sensomotorischen Konfiguration von Vorteil sein könnte, wenn sich das Wachstum langsamer vollzieht, da die alte sensomotorische Konfiguration nicht völlig aufgebrochen wird, der Raum sich nur langsam vergrössert, die alte Konfiguration nur leicht modifiziert werden muss, dann könnte das eine zusätzliche, letzte Erklärung sein, warum der Messi auf dem ersten Video, der Kleinste unter den Kleinen, ein Kleingebliebener, Tor um Tor erzielt und seinen Altersgenossen, denen ihre Extremitäten mal wieder konfigurativ entwachsen sind, sensomotorisch überlegen ist, da sein Koordinatensystem, sein Spiel zwischen Ball, Netzhaut, Muskeln, Knochen und Sehnen einfach eingespielter, eingeübter und damit perfekter ist, als es das seiner Altersgenossen überhaupt sein kann, zumal in den prägenden, frühen Jahren: Messi hat als Fünfjähriger mit regelmässigem Fussballtraining begonnen.

Mit fünf Jahren ist die frühkindliche sensomotorische Entwicklung des Kindes weitgehend abgeschlossen, das Kind kann stehen, gehen, Treppen steigen und, da der der Gleichgewichtssinn voll ausgereift ist, auch auf einem Bein hopsen. Gleichzeitig verlangsamt sich etwa ab dem 5. Lebensjahr das Körperwachstum erheblich, wachsen Neugeborene in ihrem ersten Lebensjahr durchschnittlich 25 cm, wachsen Vorschulkinder bis zur Pubertät konstant mit „nur“ ca. 6 cm pro Jahr. Auch tritt der sogenannte Gestaltwandel in diesem Alter ein, da heisst von den jährlichen 6 cm Längenzuwachs entfallen nunmehr zwei Drittel auf die Extremitäten und nur noch ein Drittel auf den Rumpf. Das Kind verfügt nun über einen weitgehend ausgebildeten sensomotorischen Apparat, dessen Funktionen es in den nächsten Jahren bei konstantem Wachstum bis zur Pubertät Schritt für Schritt ausdifferenzieren soll und kann. Diese Jahre des relativ ruhigen Wachstums sind für die Entwicklung der Sensomotrik prägende Jahre, bis ca. zum 7. Lebensjahr vervollkommnen die Kinder grundlegende motorische Fähigkeiten und treten in der Phase zwischen dem 7. und 12. Lebensjahr in den wichtigsten Abschnitt der Differenzierung des sensomotorischen Apparates ein, da nun die grösstmögliche „Rezeptivität“ gegeben ist, schnelle Fortschritte bei bester motorischer Lernfähigkeit erzielt werden können. Es scheint hierbei eine Grundvoraussetzung zu sein, dass sich das Wachstum möglichst langsam und gleichmässig vollzieht, denn vollzöge es sich in der gleichen Rasanz wie in den ersten Lebensmonaten oder/und in Schüben, wären die schnell zu Monstrositäten anwachsenden und schlenkernden Extremitäten wohl kaum unter willkürliche Kontrolle zu bringen. Langsamkeit und Gleichmässigkeit ermöglichen erst die durch das Wachstum zwangsläufig eintretenden Reibungsverluste bei der Feinjustage des sensomotorischen Raumes so gering wie möglich zu halten, anders gesagt, je langsamer und gleichmässiger der sensomotorische Raum wächst, desto effizienter seine Kalibrierung, da der sensomotorische Apparat in stundenlangen Trainings über Jahre hinweg die immer fast gleichen Wege, Distanzen und Bewegungen im annähernd gleichen sensomotorischen Raum ausführen lässt, die einen Spieler wie Messi, der überragend talentiert ist, zu einer einzigartigen Perfektion und vor allem Sicherheit verhalfen, da er aufgrund seines stark verlangsamten Wachstums in dieser entscheidenden Phase einfach auch so viel „mehr“ Zeit hatte, seinen sensomotorischen Apparat zu trainieren, da ihm der sensomotorische Raum eben nicht immer wieder entwuchs. Mit Eintritt der Pubertät beschleunigt sich das Wachstum wieder, verringert sich die Rezeptivität des sensomotorischen Apparats, die Kalibrierung der Extremitäten ist grösstenteils abgeschlossen, das Wachstumsverhältnis dreht sich wieder um, zwei Drittel des Längenzugewinns entfallen auf den Rumpf und nur ein Drittel auf die Extremitäten. Die Pubertierenden, auch Messi, dessen Hormontherapie just mit 13 Jahren begann, sind nun gefordert, die in den Jahren der Kindheit erlangte sensomotorische Kompetenz auf eine „höhere“ Ebene zu übersetzen, wobei es nicht unerheblich ist, welche Qualität diese Kompetenz hat, da auch hier zwangsläufig Reibungsverluste zu erwarten sind. Im Falle von Messi wird man aber sagen können, dass egal wie gross der Substanzverlust auch war, die verbliebene Rest-Kompetenz immer noch ausreichte, ihn zum besten Fussballspieler seiner Zeit zu machen.

Kann man auch sagen, dass seine Wachstumsstörung seine Gegenspieler übervorteilt hat? Nein, das kann man sicher nicht. Man wird aber sagen können, dass seine aussergewöhnliche Natur aus ihm einen einzigartigen Sportler gemacht hat. Und dem wird man vielleicht noch anfügen dürfen: und sei es durch eine List.

Tags: Allgemein

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